Der
Film „Herbsttage“ fängt die Impressionen
durch den Übergang von Sommer zu Winter im Cimetière
du Père-Lachaise in Paris sowie im Cimitero di Staglieno
in Genua audiovisuell ein. Der fiktionale Dialog zwischen
Oscar Wilde und seiner Frau Constance transportiert das
Gefühl der Vergänglichkeit in unsere Gegenwart.
Die Empfindung von Schuld und Reue, Constances Aufopferung
und Verletzungen im irdischen Leben, die mit dem Tod aufhören
zu existieren und somit „sinnlos“ werden, bildet
das zentrale Thema des Films. Ihr nichtgelöster Konflikt
im Dasein wird im Jenseits wieder aufgenommen. Anhand eines
rezitierten, fiktiven „Briefwechsels“ kommunizieren
die beiden Ruhestätten miteinander.
Der Versuch einer Annäherung, einer Aussöhnung,
Oscars Auseinandersetzung mit seiner Schuld und Reue gegenüber
seiner Frau überwindet in der Transzendenz das Unausgesprochene
sowie die Grenzen der Vergänglichkeit und lässt
die Friedhöfe zu einem „möglichen“
Ort der Vergebung verschmelzen.
Ihre Ehe im Dasein, die zu Beginn auf einer starken Zuneigung
basierte, ihr Glück war nur von kurzer Dauer. Oscars
Auffassung vom Bund der Ehe beschreibt er in seinem Roman
„Das Bildnis des Dorian Gray“.
„
Männer heiraten, weil sie müde sind, Frauen weil
sie neugierig sind; beide werden enttäuscht.“
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Die
Neigungsehe wandelte in eine Abneigung der Ehe. Mit
der Geburt der beiden Söhne Cyril und Vyvyan
Wilde entfremdete sich Oscar Wilde entgültig
von seiner Frau. Aus dem „schönen Mädchen,
zart und schlank wie eine Lilie“, das er einst
geheiratet hatte, war nach zwei Schwangerschaften
aus seiner Sicht eine Frau geworden, deren „blütengleiche
Anmut“ verwelkt war. Er bezeichnete sie als
„füllig, unförmig, hässlich“
und die sich “unsagbar elend, mit verzerrtem,
fleckigem Gesicht und schrecklich entstelltem Körper“
durchs Haus schleppte. Das häusliche Leben mit
all seinen banalen Verpflichtungen langweilten ihn
und vertrieben ihn aus dem Haus.
Zunächst ahnt Constance Wilde nichts von der
intimen Freundschaft zwischen Bosie und ihrem Mann.
Das Pärchen findet genügend Mittel und Wege
ihren Neigungen zu frönen, nicht nur miteinander,
sondern auch mit wechselnden Partnern aus den homosexuellen
Kreisen, in denen sie verkehrten.
Sie
lebten sich auseinander und Constance zog mit den
Kindern fort.
Am 19. Februar 1896 reist sie aus Genua an um ihm
die traurige Botschaft vom Tod seiner Mutter mitzuteilen.
Zu dieser Zeit sitzt Oscar Wilde bereits im Gefängnis.
Während seines Aufenthaltes dort sucht er die
Versöhnung mit seiner Frau auf.
Er schreibt einen reumütigen Brief, in der Hoffnung
auf ein Wiedersehen mit ihr und vor allem seinen Söhnen.
Sie selbst knüpft Bedingungen an einen Vertrag,
der ein Treffen ermöglicht, die für Oscar
Wilde unannehmbar waren. Das sofortige unterlassen
der Beziehung zu jenem Mann der ihre Ehe zerstört
hat.
Sie bezeichnet ihn als „diese Bestie..., ich
möchte ihn nicht anders nennen.“
Oscar hält sich nicht an ihre Abmachung daraufhin
streicht sie ihm die Leibrente und entzieht ihm entgültig
die Kinder.
(aus
"Oscar Wilde - Leben und Werk" von Norbert
Kohl / Insel Verlag 2000)
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"Es war sehr tragisch, ihren Namen in einem Grabstein
gemeißelt zu sehen - ihren Vornamen, mein Name tauchte
natürlich nicht auf. Ich war zutiefst bewegt - auch
von dem Gefühl der Sinnlosigkeit aller Reue."
Oscar Wilde
Unverhofft stirbt sie, 1898, bei einer Operation in Genua.
Die Tür zu Oscars Kindern schließt sich nun für
immer, eine Aussöhnung zwischen den Beiden hat nie
stattgefunden.
Auf dem Weg in die Schweiz besucht er ihr Grab und legt
einige Blumen nieder
Constance Wilde wurde 1898 in Genua beerdigt, der Zusatz
"Ehefrau Oscar Wildes" wurde erst 1963 hinzugefügt.
Rezitierte
Auszüge der fiktionalen „Briefe“ zwischen
ihr und ihrem Mann, dessen letzte Ruhestätte in Paris
zu finden ist, wird über Stimmungsbilder gelegt.
Anhand ruhiger Aufnahmen sowie langsamen Kamerafahrten,
die ineinander übergehend zu einem schwerelosen poetischen
Raum verschmelzen, wird das Gefühl in die jenseitige
Welt in einem Garten der Toten und der Lebenden transportiert.
Die Suche nach der Aussöhnung seinerseits sowie die
dramatische Auseinandersetzung eines nicht gelösten
Inneren Konfliktes zwischen Oscar und seiner Frau reflektieren
über den Tod hinaus ein Bild der Schuldgefühle
und der Hoffnung auf Annäherung. Verblasste Farbstimmungen
schaffen eine atmosphärische Transparenz, die durch
den gezielten Einsatz von Licht und Schatten unterstützt
wird. Auf diese Weise manifestiert sich das Unsichtbare,
das allgegenwärtige des Todes, die vergangene Generationen
architektonisch in verschiedene Epochen der beiden Friedhöfe
in Stein hinterlassen haben. Das Dilemma zwischen Oscar
und Constance Wilde existiert über das Jenseits hinaus
und die „Sinnlosigkeit aller Reue“ verblasst
mit jedem Augenblick des Films. Die Friedhöfe bilden
den Ort der Auseinandersetzung mit der Schuld und der Selbsterkenntnis,
die Grenzen der Vergänglichkeit werden überwunden
und verschmelzen mit der Gegenwart dieser beiden so unterschiedlichen
Ruhestätten.
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